Das schwedische Modell

Der schwedische Reichstag. Das Symbol für Politik in Schweden. Foto: Rutger Blom

Der schwedische Reichstag (Riksdag). Das Symbol für Politik in Schweden. Foto: Rutger Blom

 

Das schwedische Gesellschaftssystem und die politische Kultur Schwedens wurde weltweit unter dem Begriff Schwedisches Modell zusammengefasst. Das schwedische Modell entwickelte sich vor allem aber bereits zwischen 1930 und 1970 und ist durch folgende Eigenheiten definiert:

 

  1. Sozialpartnerschaft: Die Sozialpartnerschaft auf dem Arbeitsmarkt geht auf den historischen Kompromiss von Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertretern im Abkommen von Saltsjöbad 1938 zurück. Darin legte man eine Verhandlungsordnung fest und regelte, wie Konflikte auf dem Arbeitsmarkt ohne staatliche Einmischung ausgetragen werden sollen. Dies führte zu starken homogenen Organisationen, die in zentralen Verhandlungen Lohnfragen und andere arbeitsplatzbezogene Fragen regelten.
    Auch heute noch werden viele Fragen des Arbeitsrechts einvernehmlich zwischen Arbeitgeber- und Arbeitnehmerorganisationen gelöst. Ansprüche auf Mindestlohn, Sicherheit am Arbeitsplatz etc. finden sich in Schweden oftmals nicht in der Gesetzgebung, sondern stattdessen in den Tarifverträgen wieder. 
  2. Korporativismus: Die großen Interessenvertretungen, darunter vor allem die Sozialpartner, haben die Möglichkeit, in allen Stadien am politischen Entscheidungsprozess teilzunehmen. Es kommt damit zu einer Integration dieser Organisationen in die staatliche Tätigkeit.
  3. Vollbeschäftigung: Vollbeschäftigung in Kombination mit geringer Inflation und hohem Wirtschaftswachstum war ein weiteres wichtiges Ziel des schwedischen Modells. Dieses Ziel sollte durch eine solidarische Lohnpolitik (mit einer geringen Einkommensdifferenzierung) und eine aktive Arbeitsmarktpolitik erreicht werden. Dabei war die Forderung nach gleichem Lohn für gleiche Arbeit zentral.
    Man nahm bewusst in Kauf, dass dadurch Unternehmen in Niedriglohnbranchen verdrängt wurden. Die dadurch freigestellten Arbeitskräfte sollten – nach einer eventuellen Umschulung – in Wachstumssektoren überführt werden. Dadurch sollte eine Modernisierung und Effektivisierung der Wirtschaft erreicht werden und damit ein höherer Lebensstandard für die Bevölkerung.
    Die Folgen dieser Politik sind auch heute noch weitgehend ersichtlich, mit deutlich geringeren Gehaltsunterschieden zwischen verschiedenen Berufs- und sozialen Gruppen als beispielsweise auf dem europäischen Festland. 
  4. In Vergessenheit geraten dabei häufig die heute etwa vom schwedischen Publizisten Johan Norberg und Wirtschaftsführern wie den Wallenbergs betonten liberalen Aspekte des Modells, die das „schwedische Modell“ bis in die 1960er Jahre zu einem Vorbild machten.
  5. Konsenspolitik: Der politische Entscheidungsprozess in Schweden ist geprägt vom Willen, in wichtigen Fragen eine so große Übereinstimmung wie möglich zu erreichen. Es gibt kaum scharfe politische Auseinandersetzungen, sondern Gründlichkeit und Rationalität kennzeichnen den politischen Diskurs.
  6. Die starke Gesellschaft war ein Schlagwort Tage Erlanders und bezeichnete einen starken öffentlichen Sektor, der soziale Gegensätze und Probleme lösen und damit zum Ausbau der Demokratie beitragen sollte. Die übergreifende Gesellschaftsplanung und die Reformprogramme erforderten auch ein hohes Maß an Zentralisierung. Der öffentliche Sektor Schwedens war Anfang der 90er Jahre der größte der Welt im Hinblick auf Steuerquote, Anteil am Bruttosozialprodukt und dem prozentualen Anteil der Angestellten im öffentlichen Bereich an der Gesamtzahl der Erwerbstätigen.
  7. Wohlfahrtsstaat: Ein wichtiger Aspekt der schwedischen Wohlfahrtspolitik ist, dass die Sozialleistungen universell sind, d.h. ohne Bedarfsprüfung für alle gelten.
  8. Das Recht der Frau auf Lohnarbeit ergänzte das schwedische Modell in den 60er Jahren. Die Gesellschaft übernahm die Fürsorge für die Kinder, um den Frauen die Lohnarbeit zu ermöglichen und dadurch deren soziale Position zu verändern. 

Nach 1970 haben jedoch die Gegensätze zwischen den Sozialpartnern zugenommen. Anstelle sozialpartnerschaftlicher Verträge haben sozialdemokratische Regierungen durch umfangreiche Gesetzgebungsmaßnahmen den Arbeitsmarkt geregelt. Unterschiedliche Ansichten darüber, wie die hohen Staatsschulden und die für Schweden hohe Arbeitslosigkeit gelöst werden sollen, haben zur Polarisierung beigetragen. Auch die starke Gesellschaft, die auf einem expansiven öffentlichen Sektor baute, wird mehr und mehr in Frage gestellt. Sie hat teilweise zu einer unübersichtlichen und schwer zu steuernden Bürokratie geführt, die heute von einigen eher als ein Hindernis denn als eine Lösung für wirtschaftliche und soziale Probleme gesehen wird.

Naheliegende Artikel:

  1. Schwedische Geschichte: Frühgeschichte
  2. Die schwedische Sprache
  3. Schweden.Schwerpunkt - 9.April 2009

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